
Das letzte Bild des Rosariums zeigt das Ziel des alchemistischen Prozesses: den Stein der
Weisen, der androgyne Filius philosphorum oder Rebis. Auch Radix
ipisius, dh. Wurzel seiner selbst genannt. Aus diesem Einen und durch
dieses Eine ist Alles geworden. Er schwängert und gebiert sich selbst
und ist zugleich sowohl creatum als auch increatum, d.h. also geschaffen
als auch ungeschaffen.
Dieses Bild, nicht von ungefähr die
zehnte (letzte Stufe) darstellend, führt uns in gewisser Weise wieder
zum ersten Bild, dem Merkurbrunnen zurück. Der Makrokosmos ist hier zum
Mikrokosmos geworden. Das Symbol der Einung der Gegensätze hat Gestalt
angenommen.
Der Androgyn steht auf dem Mond. Der
Mond bedeutet hier dasselbe, wie der Brunnen im ersten Bild: Das Vas
hermeticum, das alchemistische Gefäss. Der Kelch mit den drei Schlangen
ist der Brunnenstock mit den drei Röhren, die Schlange in der linken
Hand entspricht dem zweiköpfigen Drachen, der nun hier aber,
logischerweise, nur noch einen Kopf hat. Die beiden Rauchsäulen sind zu
Flügeln geworden. Die Krone auf den beiden Köpfen entspricht der Blüte
und dem Stern auf der Brunnensäule. Sonne und Planeten dürften in dem
merkwürdigen Lebensbaum (Arbor philosophica) aufgegangen sein, der 13
Köpfe aufweist: Die zwölf Zeichen des Zodiaks mit der Sonne in der
Mitte.
Wir sehen auf dem Bild eine Apotheose
(d.h. eine Verklärung) des Hermaphroditen. Ein Symbol der von allem
irdischen gereinigten Geist‑Seele. Die Lobeshymnen die die Alchemisten
anstimmen und die Vergleiche, die sie anstellen wenn vom Lapis (Stein)
die Rede ist, sind nun nur noch im religiösen oder mystischen Bereich
anzusiedeln. So wenn z.B. im Text zu diesem Bild der Rebis gleichzeitig
als Mutter, Sohn, Tochter und Vater seiner selbst dargestellt wird.
Dieses Symbol deutet auf die
Unsterblichkeit hin. Psychologisch gesehen, ist der Lapis ein Symbol des
Selbst. Damit bezeichnet die Psychologie den vollkommenen Menschen, der
Bewusstes und Unbewusstes in sich umfasst. Er ist der Adam Kadmon, der
uranfängliche Mensch.
Jung, Die Psychologie der Übertragung
(Zitat): "Welche Namen man dem Selbst gibt, ist vom Standpunkt der
Psychologie aus irrelevant, ebenso die sog. Wahrheitsfrage. Die
psychische Tatsächlichkeit genügt. Sie genügt auch praktisch. Der
Intellekt ist sowieso unfähig, darüber hinaus zu wissen, und darum ist
auch seine Pilatusfrage (d.h. also die Frage nach der sog.
objektiven Wahrheit) inhaltslos und überflüssig"
Der Rabe links unten ist ähnlich wie
die beiden Vögel im vorherigen Bild, ein Hinweis darauf, dass das Leben
trotzdem weitergeht, d.h. dass kein endgültiger Zustand erreicht ist.
Diese Tiere symbolisieren unbewusste Inhalte, die noch nicht integriert
sind.
Auch der Umstand, dass der Androgyn
zwar einen Körper, aber immer noch zwei Köpfe hat, zeigt, dass der
Prozess noch nicht zu einem endgültigen Abschluss gelangt ist, sondern
dass er, wie in der äusseren Alchemie, wieder von vorne neu begonnen
werden muss.
Hierzu noch einige andere Bilder, die
den Grad der Integration sehr gut zeigen anhand der auf dem Bild
dargestellten Symbole.
Der androgyne Lapis vereinigt nicht
nur die beiden Urpole Mann und Frau in sich, sondern auch die vier
Elemente. Sehr schön sehen wir das auf anhand des viergeteilten und
vierfarbigen Kleides.
Der Gegensatz ist aber immer noch oder
schon wieder vorhanden. Im Vordergrund, die sich im Hass selbst
zerfleischende dreiköpfige Schlange. Im Hintergrund der sich aus Liebe
zu seinen Jungen die Brust aufreissende Pelikan.

Eine etwas abgeschwächtere Version
zeigt das obige Bild. Interessant sind die Fledermausflügel bei diesem und
beim vorhergehenden Bild, im Unterschied zum Bild aus dem Rosarium, wo
der Androgyn Engelsflügel hat, was auf einen grösseren Grad der
Integration hindeutet.
Alle diese Unvollständigkeiten sind
aber auch auf eine gewisse Unreife der Alchemisten zurückzuführen, die
der Schwierigkeiten ihrer Aufgabe nicht ganz gewachsen waren und noch zu
sehr Kinder ihrer durch eine kirchliche Religiosität geprägten Zeit
waren.
Hier zum Vergleich noch eine weitere
Variante des Androgyns.
Diese Symbolik ist nicht auf das
Mittelalter und die Alchemie beschränkt, sondern ist wirklich
archetypisch, d.h. urtypisch und besitzt universelle Gültigkeit in allen
Zeiten und Kulturen. Es ist die Sprache der Seele selbst, den
Eingeweihten aller Völker und Epochen bekannt.
Als Beweis dafür eine Darstellung des
Androgyns auf einer spätbabylonischen Gemme. Die Alchemisten des
Mittelalters konnten diese Darstellung natürlich noch nicht kennen.!
Die ungeheure Faszination, die die
Alchemie auf viele Suchende ausgeübt hat und z.T. noch immer ausübt, hat
zunächst immer etwas Überwältigendes. "Halb zog sie ihn, halb sank er
hin", so könnte man die Geistesverfassung des Alchemisten beschreiben. Das
"Ich" möchte und ist halb auch genötigt, beim Hieros Gamos ein wenig
mitzuspielen.
"Aus der
sorgfältigen Analyse jeder Faszination (wird man) als Quintessenz ein
Stück der eigenen Persönlichkeit herausziehen und langsam erkennen, dass
wir in tausend Verkleidungen uns selbst auf dem Pfade des Lebens immer
wieder begegnen."
(Jung)