Hier sehen wir, dass der
Wandlungsprozess, der zu einer Einigung der Gegensätze führen soll,
eingesetzt hat. Der Mensch betritt die Bühne in Form eines Menschenpaares.
Der Gegensatz, der im ersten Bild sich noch als feindlich und unvereinbar
zeigte, hat sich nun vermenschlicht. Dies zeigt, dass die Gegensätze nur
vom Menschen und im Menschen geeint werden können. Der Mensch ist dazu
berufen, diese Einigung in sich zu vollziehen und dabei selbst Eins zu
werden. Er ist der Mikrokosmos im Makrokosmos.
"O Söhne der Weisheit, wisset,
dass Gott, der höchste und gepriesene Schöpfer, die Welt aus vier
ungleichen Elementen erschaffen und den Menschen als Zierde zwischen sie
gestellt hat." (Morienus, Liber de
Compositione Alchemiae)
Hier haben wir den Gegensatz Sonne und
Mond als ein Menschenpaar, als König und Königin. Die Begegnung ist
zunächst noch sehr distant. Dies zeigt sich durch die höfische Kleidung.
Sie reichen sich, entgegen dem Brauch, gegenseitig die linke Hand. Die
linke Seite ist zwar die Seite des Herzens, aber auch die dunkle,
ungünstige Seite. Dies deutet einerseits auf eine gewisse Scheu, ja auf
Heimlichkeit der Beziehung hin, andererseits aber auch auf ein gewisses
Getriebensein. Es ist die sprichwörtliche Anziehung der Gegensätze, die
auf sie einwirkt.
Demgegenüber halten nun die rechten
Hände des Paares je einen Blütenzweig mit je zwei Blüten, mit denen sie
sich überkreuz beinahe berühren. Hier spiegelt sich wieder der Gegensatz
der vier Elemente, von denen zwei, nämlich Wasser und Erde, als weiblich,
die anderen zwei, Luft und Feuer, als männlich angesehen wurden. Aus der
Höhe kommt, von einer Taube im Schnabel gehalten, ein fünfter Zweig mit
einer Blume, also die Quintessenz, der Äther, was auch durch den Stern
über der Taube angedeutet wird. Die Taube, das Sinnbild des heiligen
Geistes, übermittelt also etwas Drittes bzw. Fünftes, in dem und durch
welches die Einigung, die hier durch die Ueberkreuzung der Zweige
angedeutet wird, stattfinden kann.
Das eigentliche Symbol des Rosenkreuzes
ist neueren Datums. Wir haben hier aber sozusagen dessen Vorform, indem
die überkreuzten Blütenzweige eine Art Rosenkreuz bilden! Drei lebendige
Wesen sind es, die die Rose bilden. König, Königin und Taube. Diese drei
sind nicht als gewöhnliche Menschen zu betrachten, sondern als menschliche
Repräsentanten der göttlichen Kräfte Sonne, Mond und Stern; männlich,
weiblich und androgyn. Der Stern steht für die Ganzheit des Menschen, die
jenseits der Geschlechtertrennung steht und nur dadurch erreicht werden
kann, dass männlich und weiblich zusammengesetzt und vereint werden.
Diese Verheissung ist es, die über dem
Paar durch die Taube versinnbildlicht wird, denn noch ist es nicht soweit,
die Vereinigung ist erst eine Möglichkeit und noch lange keine Tatsache.