
Nach dem "kleinen Tod" der grosse. Der Brunnen ist zum Sarg geworden. Die beiden Pole haben sich
ausgeglichen, und da sie beide die gleiche Spannung hatten, sich
gegenseitig ausgelöscht. Im Tode aber sind sie ein Leib geworden. Ein
Hermaphrodit mit zwei Köpfen, die eine Körperhälfte männlich, die andere
weiblich.
(Hermaphrodit: die Namen Hermes und
Aphrodite zu einem zusammengezogen.)
Es ist ein stagnierender Teich
entstanden, ohne Welle und Strömung. So scheint es jedenfalls. Die
Beschriftung des Bildes lautet "Putrefactio" d.h. Faulung, also die
Zersetzung von etwas, was vorher lebendig war. Das Bild heisst aber auch
"Conceptio". Der Text sagt: "Die Zerstörung des Einen ist die Erzeugung
eines anderen", was besagen will, dass es sich bei diesem Tod um ein
Zwischenstadium handelt, dem ein neues Leben folgen kann.
Der mit dem Hochzeitsbad begonnene
Abstieg hat also bis auf den tiefsten Grund, in Finsternis und Tod
geführt.
Es zeigt sich hier auch noch ein anderes
Problem, nämlich das der Identifikation. Wir erinnern uns, die sich
ausgleichenden Gegensätze sind göttlicher Natur. Sie können sich jedoch
nur in der menschlichen Seele ausgleichen. Dies führt meist dazu, dass der
Mensch, in dem sich diese Kräfte konstellieren, in Versuchung gerät, sich
mit diesen zu identifizieren, was den Absturz in den Tod oder die Hölle
unausweichbar macht. Wer immer sich auf dem Weg zu seiner Ganzheit
befindet, kann diesem Konflikt, seiner Kreuzigung, kaum entgehen. Auch
dies war auf den ersten Bildern im Symbol der sich kreuzenden Zweige
bereits antizipiert.
Richtigerweise versuchen die Alchemisten
die Schwere des drohenden Sturzes dadurch zu vermindern, als sie betonen,
dass nicht sie das Opus vollbringen würden, sondern die Natur selbst oder
Gott. Sie sehen sich selbst nur als Diener am Werk.
Man kann psychologisch die Putrefactio
auch als Depression sehen. Die Alchemisten sprechen von Nigredo, d.h.
Schwärze. Die Schwärze ist aber auch die der Erde, des (guten)
Ackerbodens, in welches das Samenkorn geworfen wird.
Deshalb sehen wir auf einem zur
Verdeutlichung eingeschobenen Bild aus einer anderen alchemistischen
Schrift bei dieser Stufe des Prozesses den Sämann am Werk.

"Es sei denn, dass das Weizenkörnlein in
die Erde geworfen wird und darin ersterbe, so bringt es keine Frucht,
sondern bleibt allein; wenn es aber darin erstorben sein wird, so bringts
vielfältige Frucht" (Ev. Joh.
XII). Diese Worte, auf die auch in einem freimaurerischen Ritual
angespielt wird, gelten auch in der Alchemie.
Ohne vorausgehende Faulung und
Zerstörung kann keine neue Gebärung oder Wiedergeburt erfolgen.
Der englische Alchemist John Pordage
schreibt an seine Soror Mystica Jane Leade:
"Die chaotische Schwärze des astralen
Fäulnisprozesses, ... zeigt die vollständige Auflösung des egozentrisch
verhärteten Begierdenleibes und den Tod der niederen Seelenkräfte an....
.... Die zarte Tinktur, dieses zarte
Kind des Lebens .. muss in die tödliche Finsternis, in den finstern
Saturn hinabsteigen, worinnen kein Licht des Lebens gesehen wird. Allda
innen muss es gefangen gehalten und mit den Ketten der Finsternis gebunden
werden ...."
Für den Alchemisten ist dies kein Grund
zur Besorgnis, sondern Anlass zur Freude, denn die Schwärze (der Rabe)
zeigt an, dass die einander widerstrebenden Eigenschaften der vier
Elemente (Kalt, heiss, dürr und nass) neutralisiert sind, was auf einen
günstigen Ausgang des Werkes schliessen lässt.
Auf diese Stufe spielen auch die Namen
Saturnus oder Chaos philosophorum an.
Weiter schreibt John Pordage:
"Diese Schwärze oder schwarze Farbe nun
müsst Ihr nicht verachten, sondern in Geduld, in Leidsamkeit und Stille
darinnen aushalten, bis ihre 40 Tage der Versuchung vorüber, bis die Tage
ihres Leiden vollendet sind. Alsdann wird der Same des Lebens sich selbst
zum Leben erwecken, auferstehen, sich sublimieren oder verherrlichen, sich
selbst in weiss verwandeln ..."
Früher, mancherorts noch heute, war oder
ist in der Kammer des stillen Nachdenkens die Wand oder ein Plakat
beschriftet mit dem Wort VITRIOL. Eine Abkürzung von "Visita interiora
terrae rectificando invenies occultum Lapidem" Zu deutsch etwa: "Gehe in
das Innere der Erde, dort wirst du, durch deren Läuterung, den verborgenen
Stein finden."

Dieses Bild, das einen
meditierenden Alchemisten im Inneren der Erde und im Zustand der Nigredo
(Rabe!) darstellt, kann geradezu als eine Illustration hiezu gelten.
Welcher verborgene Stein ist gemeint?
Zunächst der raue Stein, die Materia Prima, die Ausgangssubstanz sowohl
der Alchemie, als auch der Freimaurerei. Durch die Läuterung und
Umwandlung dieser Grundsubstanz wird daraus der Lapis philosophorum, der
Stein der Weisen. Nicht von ungefähr wird das Gefäss, in welchem die
alchemistische Wandlung geschieht, auch als verschlossene Kammer
bezeichnet.
Das Innere der Erde ist auch unser
eigenes Inneres, in das wir hinabsteigen müssen, um zum Ziele zu
gelangen. Zunächst wird uns dort nur Dunkelheit umgeben. Der mit sich
selbst und seiner Unwissenheit konfrontierte Mensch, versinkt in
Dunkelheit in welchem ihm dann ein anderes, inneres Licht erscheinen kann,
das ihn zu einem neuen Leben emporführt.
Die freimaurerische Parallele zu dieser
Nigredo liegt also eindeutig in der Kammer des stillen Nachdenkens und in
der Binde, die den Probanden bei seinem Eintritt in den Tempel bedeckt.
Psychologisch gesehen bedeutet die
Vereinigung des Bewusstseins mit dem Unbewussten eine neue Persönlichkeit,
die beide enthält. Deshalb ist dieses Neue eigentlich
bewusstseinstranszendent. Es wird deshalb nicht mehr als Ich, sondern als
Selbst bezeichnet.
Auch hier wieder einige Illustrationen
des gleichen Themas aus anderen Schriften. Wir entdecken feine
Unterschiede, die durchaus ihre psychologische Bedeutung haben. So liegen
z.B. auf diesem Bild.
König und Königin nebeneinander, sind
also noch nicht zu einer Einheit geworden.
Ebenso im nächsten Bild, wo zudem noch
die Köpfe in verschiedene Richtungen schauen.
