Alchemie und Freimaurerei
 

Einleitung

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Auf den ersten Blick scheint zwischen der Freimaurerei und der Alchemie kaum eine Verbindung zu bestehen. Bei näherer Betrachtung aber werden wir viele Gemeinsamkeiten entdecken. Diese Gemeinsamkeit beginnt schon bei der Bezeichnung, spricht man doch in beiden Fällen von einer "Königlichen Kunst".

Im 18. Jahrhundert haben noch sehr viele Logen praktische Alchemie betrieben und vielen Logen war ein Laboratorium angegliedert. In der Kantonsbibliothek St.Gallen gibt es eine grosse Zahl alchemistischer Bücher, die aus einer ehemals freimaurerischen Sammlung stammen (Vadiana). Darunter befindet sich eine grosse Reihe von Büchern, deren offizieller Titel lautet "Freimaurerische Versammlungsreden". Deren Inhalt ist aber praktisch ausschliesslich alchemistischer Natur. Da gibt es, um nur ein weiteres Beispiel zu nennen eine Schrift mit dem Titel "Hirtenbrief an die wahren und ächten Freimaurer alten Systems", erschienen im Jahre 1785.

Wir betrachten heute die Alchemie hauptsächlich als eine primitive Vorläuferin der  Chemie, dabei war und ist sie weit mehr als nur das. Es ist das grosse Verdienst von C.G. Jung, dass er die eminente psychologische und philosophische Bedeutung der Alchemie um die Mitte dieses Jahrhunderts wieder neu entdeckte. Dabei stossen wir auch bereits auf die erste Parallele zur Freimaurerei. Wie diese hat die Alchemie zwei Seiten, eine äussere, operative sowie eine innere spekulative.

Eine weitere Parallele finden wir in dem beiden Systemen zugrunde liegenden Mythos. Eines der Leitmotive der Freimaurerei ist die Bereitung eines Steins, der, durch die Kunst,  aus einem rauhen unbehauenen Zustand in einen geordneten, formvollendeten Zustand überführt werden muss. Dabei ist dieser Stein einerseits ein gewöhnlicher, rauher, dem Steinbruch entnommener Stein, andererseits aber auch die Psyche des Operanden, d.h. des den Stein bearbeitenden Menschen.

Diese gleiche Grundvorstellung haben wir auch in der Alchemie. Dort ist die "Prima Materia", die Ausgangssubstanz des Werkes eine raue, ungeformte und chaotische Masse (Materia cruda, Massa confusa etc.) die durch die Kunst des Laboranten zum "Lapis philosophorum", zum Stein der Weisen verwandelt werden muss. Die Ausgangssubstanz ist dabei einerseits ebenfalls ein äusseres, materielles "Ding", andererseits aber auch die Psyche des Laboranten, der das Werk vollbringt.

 Wie die Freimaurerei arbeitet auch die Alchemie dabei sehr viel mit Symbolen, die mit denjenigen die in der Freimaurerei gebraucht werden viele Übereinstimmungen aufweisen. Der Zeit und den damaligen Umständen entsprechend, enthält die alchemistische Symbolik auch sehr viele christlich‑religiöse Phrasen und Umschreibungen, die manchmal einen durchaus Ernst zu nehmenden Kern haben, oft aber auch lediglich der Tarnung und Verschleierung dienen. Tarnung einerseits vor den Augen der Inquisition, Verschleierung vor den Nichteingeweihten.

Wenn auch viele sog. Alchemisten in Wahrheit "Sudelköche" waren, denen es nur darum ging Gold künstlich herzustellen, so gab es andererseits auch viele "Weisen"  denen die Doppelnatur bzw. vorwiegend innere Natur des "Werkes" durchaus bekannt war,

....Die wahre Arznei ist nichts als das reine Licht der Natur, und der Seelen Arznei das ewige Licht der Gnaden. Das erste ist des anderen Abbildung, einander nahe verwandt. Auch ist das natürliche aus dem ewigen geflossen, und diese wie in jedem als in einem Spiegel gesehen und begriffen. Dieses ist das einige Fundament der wahren göttlichen Weisheit. (Amor Proximi)

Auf diesem Bild zeigt sich deutlich diese Doppelnatur der Alchemie. Links: drei Weise in der Bibliothek. Rechts der Operand bei der praktischen Arbeit.

Dass es sich bei der Alchemie um etwas grundsätzlich anderes handelte und handelt als um eine Vorstufe der heutigen Chemie ergibt sich sehr schön aus einer Stelle von Fictulds "Abhandlung von der Gewissheit der Alchemie": "...Daher haben die Irdisch­gesinnten, aus Begierde ... in und durch ihren von Gott mit Blindheit geschlagenen Verstand, mit erhitztem Gemüt, die verkehrte Afterchemie erfunden; die .. zum Teil noch mehr oder weniger nützlich, aber auch ... zum Teil mehr oder weniger schäd­lich worden."

Noch drastischer urteilt ein anderer Alchemist über die sog. wissenschaftlichen  Chemiker: "... Weder fürchten noch lieben sie Gott und vor allem verschmähen sie es, IHN aus der Natur zu suchen; also durchwühlen sie die Kleider der Natur wie die Sau den Rübenacker, unwissend was sie suchen und finden sollen."

Trotzdem gab und gibt es auch eine äussere, praktische Alchemie. Beweise dafür sind u.a. die Fenster der Kathedrale von Chartres und viele durchaus glaubwürdige Berichte. Auch habe ich mich bei verschiedenen Gelegenheiten selbst davon überzeugen können, dass das Arbeiten nach den Angaben in gewissen alten Werke, wie z.B. "Der Triumphwagen des Antimons" von Basilius Valentinus zu recht interessanten Ergebnissen führen kann. Hier möchte ich jedoch nicht weiter auf diese Dinge eingehen. 

Das Thema Alchemie ist derart komplex und umfangreich, dass es unmöglich in einer kurzen Arbeit einigermassen adäquat dargestellt werden kann. Ich werde daher nur die allergröbsten und schärfsten Umrisse zeigen, in einer vereinfachten Form, die ich auch in der Praxis bestätigt fand.

Die Alchemie geht von der Tatsache aus, dass die äussere Natur zwar vollkommen erschaffen ist, jedoch durch den Fall Luzifers, wie der Mensch, korrumpiert und verdorben wurde. 

Die Alchemie behauptet nun, Mittel und Wege zu kennen, wie die Materie von diesem Makel gereinigt und befreit werden kann, um so ein Mittel zu erhalten, das alle Krankheiten heilt, auch Blei in Gold verwandeln könne und das die vollkommenste Materie darstelle. Dieses Mittel wird "Lapis philosophorum", d.h. "Stein der Weisen" genannt.

Dieser Prozess ist jedoch, und darüber sind sich alle wahren Alchemisten einig, niemals nur durch äusseres Laborieren durchführbar, sondern verlangt immer auch, parallel dazu, die Wandlung und Vervollkommnung des Menschen, der diese Arbeiten durchführt. Dies führt zur Bildung und Bewusstmachung des unsterblichen Kerns der menschlichen Seele. Die äussere und innere Arbeit zusammen wird "Opus magnum", d.h. "das grosse Werk" genannt.

Es gibt also eine äussere, theoretische und praktische Alchemie und parallel dazu eine mystische, theoretische und praktische Alchemie.

 Ein Stich aus Khunraths "Amphitheater der Ewigen Weisheit, (1609) zeigt diese beiden Aspekte der Alchemie.

 Kunrath, ein Rosenkreuzer, kniet vor einem Zelt, das an die Hütte der Juden in der Wüste erinnert. Eine Inschrift besagt: "Sprecht nicht von Gott ohne Erleuchtung."

Auf dem Tisch liegen zwei offene Bücher, in der Bibel ist folgender Psalm aufgeschlagen: "Dann gerieten sie in grosse Schrecken, denn Gott war bei der gerechten Zeugung." Das Wort Zeugung bezieht sich auf die Zeugung des Steins der Weisen. Das andere Buch enthält hermetische Formeln. Auf dem Rauch, der dem Weih­rauchgefäss entsteigt ist zu lesen: "Das Gebet steigt auf wie Rauch, ein Gott wohlgefälliges Opfer." Auf der rechten Seite des Saales befindet sich ein grosser Kamin, der das Labor enthält. Der Kaminsims wird von zwei Säulen getragen: "Erfahrung" und "Vernunft". Oben lesen wir auf einem der schweren Balken, die die Holzdecke tragen: "Keiner ist gross ohne göttliche Eingebung".

Ora et labora ‑ Gebet und Arbeit werden an einander gegenüberliegenden Seiten verrichtet, des Alchemisten LabORatorium ist beidem gewidmet: Es bedeutet den Ort, der sowohl der Arbeit als auch dem Gebet geweiht ist. Dazu kommt die Kunst. Musikinstrumente liegen auf dem Tisch in der Mitte; Tintenfass und Feder laden zum Schreiben ein. Die Tischdecke trägt die Inschrift: "Heilige Musik verscheucht Traurigkeit und die bösen Geister"

Über dem Eingang des Saales steht geschrieben: "Wache, auch wenn du schläfst." 

 

 

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