Stadt an der der Strom die Biegung wagt-

denke der Gefilde um das Knie:

Lass dich hüten und behüte sie.

Henry Benrath

 

 

 

 

Chartres, der Ort wo die Erde ihre Schwere verliert

Die Kathedrale von Chartres ist ein Ort, an dem die Erde ihre Schwere verliert.

Das geheimnisvolle Fluidum des Ortes zieht jeden in seinen Bann, der nicht ganz in seiner rein leiblichen Existenz gefangen ist.

Zu dieser Feststellung kam ich, nachdem ich endlich Gelegenheit hatte diesen legendären Ort, über den ich schon so viel gelesen hatte, zu besuchen. Ich hatte das Glück, mit einer relativ kleinen Gruppe zu reisen, die sich vorgenommen hatte, sich für dieses Bauwerk Zeit zu nehmen und welcher auch in der Person von Herrn Larchner ein ganz ausgezeichneter Kenner der Kathedrale als Führer zur Verfügung stand.

Trotzdem ich schon so viel über Chartres gelesen hatte, ging ich relativ unbelastet, da ich es vermieden hatte, genaue Detailkenntnisse aufzufrischen. Ich wusste nur, dass im Zentrum des sog. Labyrinthes ein Ort hoher psychophysischer Spannung war und unmittelbar vorher, ein solcher mit einem extrem niedrigen Potential. Es entgeht einem vielleicht dadurch das eine oder andere, aber man ist offener für das Erleben und nicht versucht, nach einem Schema vorzugehen.

Herr Larcher den ich mir als eher trockenen älteren Kunsthistoriker vorgestellt hatte, der mich mit ebenso trockenen biblischen Details des Bauwerkes eher langweilen würde, erwies sich als aufgeschlossener noch jüngerer Mann, der auch das Buch von Charpentier kannte, selber pendelte und von der Existenz des tellurischen Stromes überzeugt war. Er hat uns denn auch das Bauwerk auf eine Art und Weise nahe gebracht, die alles andere als trocken war. Er setzte seine Hauptdarstellerin, die Kathedrale wie ein geschickter Regisseur ein und gestaltete die uns zur Verfügung stehende Zeit dramaturgisch gekonnt.

Leider hat mich mein Raumgefühl etwas im Stich gelassen und ich glaubte, der Raum in den er uns führte, sei auf der Seite der Kathedrale während er in der Achse lag. Herr Larcher sprach zuerst über den Genius Loci vor Chartres, über die Vorgeschichte des Ortes und über den tellurischen Strom. Die Krypta ist, was ich nicht wusste, U-förmig um das Zentrum der Kathedrale angelegt d.h. sie besteht eigentlich nur noch aus einer Art Gang unter den Seitenschiffen und dem Chorumgang hinführend. Trotzdem ist sie natürlich eine der grössten bekannten Krypten. Das Zentrum mit dem zentralen sog. Brunnen der "Saint Fortes" scheint verschüttet worden zu sein. Herr Larchner zeigte mir später von der Galerie aus die genaue Stelle, wo er nach seinen "Mutungen" unter dem Chor liegen müsste. In der Krypta befindet sich noch ein anderer Brunnen, der (wahrscheinlich fälschlich) als Brunnen der "Saint Fortes" ausgegeben wird. Wir besichtigten noch einige erhalten gebliebene Gewölbe der Vorgängerin der heutigen Kathedrale, welche in die Krypta integriert wurden und besuchten zuletzt noch jenen Teil des Ganges unter dem nördlichen Seitenschiff, welcher heute die Kapelle der "Notre Dame de Sous-Terre" enthält. Die Originalstatue die "Virginia parititur" der "Jungfrau die gebären wird" ist allerdings nicht mehr vorhanden, sie wurde während der französischen Revolution verbrannt. Heute steht eine Nachbildung dort, nach alten Beschreibungen gefertigt und noch ganz passabel.

Während früher die Pilger die Krypta durch ein Tor beim Nordturm betraten und sie durch eine seitliche Türe des Süd-Turmes wieder verliessen, zwischen einem Leier spielenden Esel und einer spinnenden Sau hindurch, ist der Gang heute anscheinend nicht mehr zur Gänze offen.

Anschliessend an den Besuch der Krypta, betrat ich zum ersten Mal die Kathedrale selbst und zwar durch den Westeingang. Nach der relativen Enge der Krypta überraschten und überwältigten mich nun die Dimensionen des Raumes. Auch spielte gerade die Orgel und die Musik, das durch die farbigen Fenster strömende Licht sowie das ganze Erlebnis des Raumgefüges ergriffen mich sehr. Es war ein erster Höhepunkt der Reise. Bei der nun folgenden Sonntagsmesse liess ich meinen Blick immer wieder in den wunderbaren Gewölben schweifen und freundete mich langsam mit dem Gebäude an.

Die ganze Chronologie der Besichtigungen kann ich nicht mehr genau rekonstruieren. Auf jeden Fall ging es am Nachmittag nicht direkt in die Kirche, sondern wir machten einen Spaziergang in die Altstadt zum Fluss, zur Eure (Vuivre?) hinunter, nachdem wir zuerst noch den ehemals bischöflichen Kornstadel und Weinkeller besichtigten. Wir besuchten noch zwei Kirchen, eine davon war die Peterskirche, welche auch noch sehr schöne Glasfenster aus der gleichen Zeit wie die Kathedrale besitzt. Auf dem Rückweg machte uns Herr Larcher ua. auf ein Haus aufmerksam, welches in seinem Riegelbaugebälk Schnitzereien aufwies. Es waren da nebst einem Engel der Verkündigung, einem Fisch, und einer Maria auch noch eine spinnende Sau zu sehen, d.h. ein Schwein, das teilweise von Schnüren umwunden war wie eine Spindel. Herr Larcher erklärte dies als Sinnbild des Verstandes, der uns oft auch mit starken Fäden fessle.

Am Westportal erklärte uns Herr Larcher die der Kathedrale zugrunde liegende Idee, nämlich ein Abbild des himmlischen Jerusalems, das sich vom Himmel auf die Erde senkt, das nach jeder Himmelsrichtung drei Tore hat und dessen Mauern aus Edelsteinen bestehen. Die Figuren am Portal erhöhen sich gegen das Innere der Kathedrale zu ein wenig und stehen dabei gleichzeitig immer mehr auf dem Zehenspitzen wie Tänzerinnen und Tänzer, dadurch den Eindruck einer zunehmenden Schwerelosigkeit erweckend. Ursprünglich waren die Figuren an den Portalen sowie die Wände und Säulen im Inneren bemalt und teilweise vergoldet. Nur der Fussboden und die Sockel der Säulen waren unbemalt. Dies hat auch den Eindruck des Schwebens noch verstärkt. Dazu kamen die Glasfenster, die wirklich den Eindruck erweckten, als wäre ein Teil der Mauern aus Edelsteinen. Die Figuren haben einen ganz nach innen gerichteten Blick, und jenes "Da Vinci-Lächeln" des ganz demjenigen gewisser griechischen Statuen ähnelt. Ich bin deshalb überzeugt, dass die Schöpfer dieser Meisterwerke "Eingeweihte" einer Bruderschaft waren, die "das Geheimnis" kannte.

Die meiste freie Zeit, die mir ausserhalb der geführten Besichtigungen noch verblieb, verbrachte ich in der Kathedrale. Ich umrundete viele Male den Chor und bewunderte die spätgotischen Figuren des Chorumganges, die nicht mehr die überirdische Schönheit derjenigen der Portale hatten, aber dafür sehr lebensvoll und anmutig waren.

Ich suchte und fand auch jene Fliesse mit dem Bronzeknopf, auf welchen am 21. Juni jeden Jahres (bei schönem Wetter) die Sonne scheint durch eine eigens dazu im Fenster ausgesparte Öffnung. Diese Fliesse soll erst im 18. Jahrhundert durch einen Kanonikus angebracht worden sein. An den Befunden von Charpentier würde das allerdings ja nichts ändern.

Immer wieder versuchte ich Blickwinkel zu finden, von welchen aus ich möglichst reiche Aspekte der gotischen Architektur entdecken konnte. Die Formen der Gotik habe es in sich, dass sie nicht bedrücken, sondern erheben, trotz ihrer monumentalen Grösse. Die Architektur des Bauwerkes sprach zu mir und zog in mich ein.

Auch das Labyrinth zog mich immer wieder an. Obwohl es von Stühlen verstellte ist, ist doch die Mitte begehbar, da sie in der Mitte des Ganges zwischen den Stühlen liegt. Ich wusste, dass unmittelbar vor dem letzten Schritt eine Zone von 2000 Bovis-Einheiten lag, im Zentrum eine solche von 18'000 (was dem Initationspunkt eines Pharaos entsprechen würde!) Ein so grosser Unterschied muss ja auch ein Dickhäuter wie ich empfinden sagte ich mir, und es war auch so. Während ich in der Mitte die Empfindung einer durchdringenden und wärmenden Energie hatte, fror es mich am anderen Punkt irgendwie innerlich. Dies hatte jedoch nichts mit physikalischen Unterschieden zu tun. (Auch M. spürte den Unterschied, schrieb ihn aber natürlich sofort einem physischen Temperaturunterschied zu.)

Wir konnten dann auch in die höheren Gefilde der Kathedrale steigen. Orte, die sonst dem Publikum nicht zugänglich sind. Interessant waren die über den Seitenschiffen befindlichen Kammern, eine Art Module, stabile Einzelteile des Bauwerkes aus denen es sich zum Teil zusammensetzte. Herr Larcher zeigte uns auch ein paar Steinmetzzeichen von welchen etwa 800 verschiedene am Bauwerk gefunden wurden. Wir umrundeten dann den Chor aussen und konnten dabei kurze Blicke auf die Chartres umgebende Landschaft werfen. Dabei fiel mir auf, dass es, wie alle mir bis jetzt bekannten Orte der Kraft (z.B. Avebury und Glastobury) in einer Art riesigen Schüssel oder Teller lag. Wir kamen dann über den Südturm auf den Dachstock, d.h. in den Raum über den Gewölben und ich konnte durch einen Schlussstein auf das Labyrinth hinunter sehen. Ebenfalls ein Höhepunkt. Wir gingen dann auf die innere Galerie und fanden uns vis-a-vis der gewaltigen Glasfenster, die von der Nähe natürlich besonders eindrücklich aussahen. Wir hatte bereits einige der Fenster von aussen gesehen und auch berührt und dabei die Spuren der Verwitterung von der Nähe betrachten können.

Interessant ist auch das Nordportal, das sog. Portal der Eingeweihten. Die Figuren stammen aus einer schon etwas späteren Zeit wie diejenigen am Nordportal, sind aber noch ganz voller Kraft und Ausdruck.

Nachdem wir am Nachmittag eine kleine Wanderung auf Chartres zu gemachten hatten, sozusagen die letzte Etappe des Pilgerweges imitierend, betrachteten wir gegen Abend noch das Südportal mit dem jüngsten Gericht. Posaunenklänge riefen uns dann ins Innere. Nun kam für mich der eigentliche Höhepunkt des Aufenthaltes. Während langsam das Leuchten der Glasfensters erlosch, die Orgel spielte (ua. Bach und Messiaen!) und die Galerie von Innen her beleuchtet wurde, stand ich zuerst lange an der Stelle im inneren des Labyrinthes und versuchte die Kräfte in mich aufzunehmen, die der "Quelle" entströmten". Es ergriff mich wirklich eine Art "Trunkenheit". Ein Gefühl von Schwerelosigkeit und "Erhobenheit". Ich ging dann - noch während des Konzertes - in der Kathedrale umher, versuchte besonders schöne Aspekte des Raumgefüges einzufangen und wurde mir auch der unterschiedlichen Akustik bewusst. Zuletzt stand ich noch längere Zeit an den nordwestlichen Vierungspfeiler gelehnt. Leider viel zu schnell endete das Konzert und wir mussten die Kathedrale verlassen.

Ein letztes Mal ging ich am Freitag vor unserer Heimreise noch einmal hinein und vertiefte mich nochmals in die Fenster. Die Sonne schien und einzelne Pfeiler und Stellen auf dem Boden waren mit bunten Lichtern verziert. Ich begab mich dann nochmals auf den "Ort" und versuchte diesmal bewusst die "Kraft" als heilende Kraft in meinen Körper "einzusaugen". Dabei spürte ich genau, wo sie wirkend verweilte.

Nachspiel: Die Wirkung des "Ortes" muss wirklich stark sein. Schon bald nach unserer Abreise hatte ich das Gefühl des Frierens. Die physisch spürbare mächtige Ausstrahlung der Kathedrale fehlte mir. In den beiden ersten Nächten nach der Rückkehr träumte ich ausserordentlich viel. Es war mir, als ob ich in viele fremde Schicksale hineinverwoben würde. Ich wachte auch öfters auf in der Nacht wobei abwechselnd vor meinen Augen gotische Architekturformen und Gewölbe sichtbar wurden, oder bunte Glasfenster und Lichter.

Als ich auf dem "Ort" stand entdeckte ich eine Möglichkeit, in mir selber die aus dem "Ort" aufsteigende, quasi "quellende" Energie mit einer kosmischen von oben kommenden Kraft zu verbinden. Dies scheint mir eines der wichtigsten Ergebnisse der Reise zu sein. Dem muss ich unbedingt weiter nachgehen.

 
     

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