Da das Wort und die Mantras zu den
wichtigsten Meditationsmitteln gehören möchte ich nochmals ausführlich
darauf zu sprechen kommen und dabei vor allem das wichtigste aller
Mantras, die Lautfolge IAO ins Zentrum stellen.
Das Johannes-Evangeliums
beginnt mit der Sentenz: "Am Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott
und Gott war das Wort."
Das schöpferische Wort, in
der griechischen Ursprache Logos, ist eine Offenbarungsform Gottes. Logos,
das sprachlich mit Licht verwandt ist, ist auch das Gesetz, die Tora etc.
Als Wort ist es vor allem Schwingung. Schwingung bewirkt Resonanz. Auf
dieser Grundlage beruht die Wirkung des Wortes als magisches Mittel zur
Beeinflussung von Geist und Psyche.
Beim Wort sind es vor allem
die Vokale, welche der Sprache als Schwingungszentren Leben geben. Die
Wirkung dieser Schwingungen auf der physischen Ebene kann z.B. anhand der
sog. Chladnischen Klangfiguren unmittelbar sichtbar gemacht werden.
Im Wissen um die Bedeutung
und Wichtigkeit des Klanges und damit der Vokale für die Sprache, wurden
früher in hieratischen Sprachen wie Hebräisch und Ägyptisch, die Vokale
nicht geschrieben. Es gab für diese keine Schriftzeichen.
Gewisse Worte durften gar
nicht ausgesprochen werden, es sei denn unter Beobachtung von
umfangreichen rituellen und religiösen Schutzmassnahmen. Das bekannteste
Beispiel dafür ist der hebräische Gottesnamen JHVH. Eine andere Form und
Schreibweise dieses Namens war IAO.
Diese drei Lautzeichen
waren in vielen alten Traditionen die wirksamsten und "heiligsten" der
Vokale. Zwei davon, das A und das O, das Alpha und das Omega, galten auch
bei uns als Name Gottes (wobei natürlich die dazwischen liegenden
Buchstaben mitgemeint waren).
Die Vokale IAO sind sehr
alt, ehrwürdig und energiereich. Sie sind, wie keine anderen, geeignet,
geistige Schwingungen und geistige, ja göttliche Energien zu speichern,
oder besser, diesen als Träger zu dienen. Damit verbunden ist natürlich
auch die Möglichkeit, mit diesen Vokalen geistige Kräfte und Ladungen
wachzurufen und zu übertragen.
Der Umgang mit Vokalen, die
als geistig-göttliche Ladungsträger dienen, bedingt Vorsichtsmassnahmen
ritueller und magischer Art. (Wie anhand des Beispiels des hebräischen
Gottesnamens schon erwähnt wurde.)
Die "Ladung" selber war
immer das Werk eines Eingeweihten der höchsten Stufe. Das mit den heiligen
Kräften geladene Wort war sein Vermächtnis an seine Schüler. Zugleich
hinterliess er auch die Anweisungen, von diesem Wort den rechten Gebrauch
zu machen, es sorgfältig zu bewahren und nur an für würdig Befundene
weiterzureichen.
Der Gebrauch der Vokale IAO
als geheime Überlieferung sowie deren kultischer Schutz und Umgang kann
beinahe lückenlos vom Altertum bis in die Neuzeit beobachtet werden.
Allerdings können für diese Beobachtung kaum Dokumente herangezogen werden
(Schliesslich wurde fast alles was im Zusammenhang damit stand, als
Geheimnis nur mündlich überliefert) aber viele Kunstwerke aus alter und
aus neuerer Zeit bestätigen diese These.
Dabei muss in Betracht
gezogen werden, dass die Wirksamkeit der göttlichen Ur-Schwingung IAO
nicht nur auf der Lautschwingung beruht, sondern auch auf der Form des
Zeichens. Diese Form beruht keineswegs auf Willkür, sondern ist eine
vollendete Umsetzung des Klanges in eine geometrische Form.
Wenn wir also in
Kunstwerken nach Spuren dieser Kräfte suchen wollen, dann müssen wir uns
nach den entsprechenden Formen umsehen.
Diese Formen stehen
untereinander in einem bestimmten Zusammenhang, der nicht zufällig ist,
sondern die ihnen innewohnende Ordnung aufzeigt.
Von da her stammt auch der
Formenkanon, der in Architektur und Kunst noch bis in die Barockzeit
hinein Verwendung fand. Da waltet keine Willkür, und nichts rein zweck-
und verstandesmässig Erklügeltes ist zu finden, sondern reines inneres
Leben, das sich seine Form selbst, aus sich selber, erschafft.
Bei der
kultischen-rituellen Beschäftigung mit diesen Lauten, d.h. z.B. bei der
mantrischen Meditation, muss deshalb immer auch die Visualisation mit
einbezogen werden. Visualisation heisst sich den Laut auch als Zeichen
vorstellen.
In den Vokalen
IAO
haben wir die
weltschöpferische Urformel, das magische Ur-Wort, den Keim des Tempels,
der geheime und unaussprechliche Name Gottes. Das grosse Ur-Mantra.
Hier will ich nun, zum noch
besseren Verständnis dessen, was ein Mantra ist, einen kleinen Exkurs
einschieben. Ich zitiere dabei frei aus der kleinen Einführungsschrift
"Mantra-Praxis" von Bô Yin Râ:
“Eines
der bedeutsamsten Formungsmittel der Seele ist die Einwirkung bestimmter
Lautfolgen der menschlichen Sprache.
Uralt
ist das Wissen um solche Einwirkungsmöglichkeit. Einst als heiliges
Geheimnis gehütet, wurde dieses Wissen in der westlichen Welt mehr und
mehr vergessen ...
Anders
ist es im Orient, wo man noch sehr wohl um die machtvolle Einwirkung
innerlich gesprochener Worte weiss, und sie in guter, wie in verderblicher
Absicht Tag für Tag benützt.
Ich
betone hier ausdrücklich das innerlich gesprochene Wort, denn nur auf
dieses innere, gleichsam in sich hinein Sprechen kommt es an.....
Ein
gutes Mantram ist ein nach okkult-geistigen Einsichten geformter Spruch,
bei dessen Benützung es sich lediglich um die rein geistige, dem
physischen Ohr völlig unwahrnehmbare Lautwirkung handelt.”
Über die praktische
Anwendung von Mantras schreibt Bô
Yin Râ. Ich zitiere weiter aus "Mantra Praxis":
“Das Sprechen nach
Innen soll so erfolgen, dass es gleichsam zu einer "Kommunion", zu einem
geistigen Aufnehmen, zu einem Genuss der Worte als geistiger Speise
wird.---
Niemals soll irgend
eine Anspannung, niemals auch nur der geringste Selbstzwang dabei
erfolgen!"
Die IOA-Meditation wird heute in
manchen Büchern offen dargelegt. Es stellt sich deshalb die Frage wieso
dieser schon so profanierten Übung heute überhaupt noch eine Bedeutung
zukommt.
Der Grund dafür liegt darin, dass nur
der Gebrauch eines gleichsam "legitim" erworbenen Mantras eine echte
geistig-seelische Wirkung entfalten kann. Das Mantra muss mit geistiger
Kraft geladen und belebt sein, was nur dann möglich ist, wenn es im
rituellen Schutz einer echten esoterischen Gemeinschaft übermittelt und
geübt wird.
Diese Mantras wurden und werden deshalb
immer nur mündlich korrekt weitergegeben. Die Ladung eines Wortes mit
geistiger Kraft kann nur durch besonders dazu Befähigte erfolgen. Diese
sind es auch, die die genauen Weisungen geben können, wie das Wort
gebraucht werden muss.
Die Meditation mit diesen Vokalen darf
nicht willkürlich und systemlos erfolgen, sondern muss vielmehr in einer
bestimmten Reihenfolge, in einer bestimmten Disziplin erfolgen.
(Aus der Zeitschrift
"Magische Blätter" VI. Jahrgang, Beitrag: Die Kabbalisten.)
Der Lehrer spricht zum
Schüler:
"Es gibt Melodien, die Worte
haben müssen .... Das ist die niedrigste Stufe. Und es gibt eine höhere
Stufe: Die Melodie braucht keine Wort; sie wird ohne Worte gesungen, als
reine Melodie ....
Die richtige, höchste Melodie
wird aber ganz ohne Stimme gesungen ... sie tönt im Innern des Menschen, in
seinem Herzen, in allen Gliedern."
Es ist klar, dass es auch an
andern Orten Verschiebungen und Verluste von esoterischem Gedankengut
gegeben hat. Trotzdem ist eine Verwandtschaft, ja ein gleicher Ursprung der
Praktiken evident.
Diese Beispiele für die
Mantra-Praxis mögen genügen.
Damit wäre nun der grosse Kreis der
Meditationsmittel ungefähr ausgeschritten. Wir haben alle Kategorien und
Klassen mindestens kurz gestreift. Wie bereits in der Einleitung vermerkt,
ist Vollständigkeit in der Aufzählung der zu den einzelnen Mitteln
gehörenden Meditationsarten nicht möglich und auch nicht beabsichtigt. Ich
glaube jedoch, dass sich alle meditativen Mittel und somit alle bekannten
Meditationsarten irgendwie in dieses Schema einfügen lassen. Dabei muss
jedoch berücksichtigt werden, dass in der Praxis in den meisten Fällen
Kombinationen der verschiedenen Mittel verwendet werden. In der geschickten
Kombination unterstützen und steigern sich die Mittel gegenseitig.
Nachdem wir nun die einzelnen Elemente der
Meditation alle Einigermassen kennen, wollen wir noch die weiteren
Hilfsmittel näher betrachten.
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